HUBERT LOBNIG
IM RAUM SCHULE Offenes Kulturhaus Linz

1992




Lined and squared (liniert und kariert)

2 Projektionsobjekte aus Glas, 180 x 125 x 40 cm, 2 Projektoren, 160 Farbdias, 2 Lautsprecher, Kreidegeräusch

... Einen ähnlichen Ansatz, nämlich persönliche Schulerfahrungen ins Allgemeine überzuführen, verfolgt Hubert Lobnig. Er verwendet für seine Installation "lined and squared" authentisches Material. Auf zwei Glasplatten, die mit semitransparenten linierten beziehungsweise karierten Mustern versehen wurden, projiziert Lobnig persönliche Kürzel und Fotografien aus der eigenen schulischen Vergangenheit. Wie bereits der Titel programmatisch verrät, gelten ihm die Begriffe liniert und kariert als Maßeinheiten und gleichzeitig Grundparameter aller schulischen Prägung. Die erste Übung in der Volksschule ist das Setzen von Zeichen auf geraden Zeilen oder genormten Rastern. Wer nicht "schön schreiben" kann, wird getadelt. Um der Bestrafung zu entgehen, war die Verwendung von Linienspiegeln sehr beliebt.

Eine Art "künstlichen Linienspiegel" kreierte Lobnig zur Visualisierung dieses kollektiven Zwangs, dem alle Tafelklassler ausgesetzt sind: In der Sterilitat eines vollständig weißen Raumes - Lobnig nutzt den Laboratoriumscharakter des ehemaligen Chemiesaals - wird das Experiment installiert: Das projizierte Bild wird in zwei Ebenen aufgelöst, was zur Folge hat, daß sich das Bild in seiner Gesamtheit nur von einem speziellen Blickpunkt aus offenbart, als realistisches Abbild der eigenen schulischen Vergangenheit. Bewegt man sich aber im Raum, erfolgt eine Dematerialisierung des Bildes in linierte oder karierte Einzelflächen. Das Darüberlegen der geometrischen Rasterung verhindert jegliches sentimentale Erinnern an die "gute alte Schulzeit".

Lobnig treibt das Vexierspiel zwischen Sein und Schein noch weiter: Durch die Spiegelung der zweiten Scheibe in der ersten entsteht eine imaginäre dritte Wand. Dieser, in zweifacher Hinsicht - nämlich spiegelungstechnisch und metaphorisch -reflexive Einsatz von Versatzstücken aus der eigenen Schulzeit hat zur Folge, daß aus den beiden Glasebenen scheinbar ein neuer dreidimensionaler Körper entsteht. ...  Sabine Perthold


Altes Zeichen- und Schulmaterial des Künstlers wurde gesichtet und für die Projektion auf 2 Glasobjekte in einem laborähnlich - weiß ausgemalten Raum aufbereitet. Die ersten Zeichen- und Schreibversuche, Rechenübungen, das erste Schulfoto, Erstkommunion etc. In den liniert und kariert sandgestrahlten Glasobjekten bricht sich die Projektion der Bilder in den Mustern und spiegelt sich so, daß eine Vielzahl von Schichten entsteht. Im Hintergrund laufen leise Geräusche von Kreide, die auf einer Schultafel schreibt.
Liniert und kariert sind für Hubert Lobnig Muster schulischer Prägung. Ab der ersten Klasse oder Vorschule tritt an die Stelle von unbegrenzten Zeichenpapieren und Freiräumen die räumliche und zeitliche Strukturierung. Gerade und schön schreiben wird wichtiger als Inhalte oder Kreativität. Zeitdruck und portionierte Einheiten sind wichtiger als Zeit zu ermöglichen,die ein Spiel, eine Arbeit, eine Aufgabe verlangen würde. Zeit- und Raumeinheiten, Normierungen und Disziplinierungen dominieren die schulischen Aufgaben. Durch Strukturierungen passiert eine rasche Veränderung in den Kindern, die es zu hinterfragen gilt.

Foto: Clemens Gießmann 


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