HUBERT LOBNIG
TURKISH CARPET - Wiener Hausmeister Projekt Sehsaal Wien

1994






TURKISH CARPET Wiener Hausmeister Projekt
Sehsaal Wien, 19. Januar bis 8. März 1994
Hubert Lobnig

Der Raum, in dem die Präsentation stattfindet ist ein Teil einer ehemalige Hausmeisterwohnung in einem Althaus, Luftbadgasse in Mariahilf.. Sie steht seit Jahren leer, ist ebenerdig zu betreten, hat nackte Ziegelwände, einen eingesunkenen Boden, ist feucht und kalt.
In Zeiten meiner eigenen Wohnungssuchen in Wien wurde ich von Wohnungsmaklern häufig in solche Wohnungen zur Besichtigung geführt. Schimmelige, kalte, feuchte, dunkle Parterre- oder Souterrain- lokale, klein und muffig. Für Österreicher kommen solche Räume als Wobnung nie in Frage, sie (ich eingeschlossen) wenden sich immer sofort empört ab, vorlassen schimpfend den Ort. Die meisten Lokale dieser Art kann ich mir nicht mal als Arbeitsraum vorstellen. Für türkische oder Exjugoslawische BewerberInnen sind diese Angebote interessant, sie bleiben stehen und beginnen mit Verhandlungen. Auf ihrer Wohnungs- suche sind solche Orte meist die einzigen, die aus wirtschaftlichen und anderen Gründen in Frage kommen. Sie kommen oft an andere Angebote gar nicht heran, da viele Hausbesitzer, Haus- verwaltungen oder Makler Normalstandardwohnungen Zuwanderern aus südlichen oder östlichen Regionen gar nicht zeigen, geschweige denn sie an diese vermieten. So wohnt diese Bevölkerungsgruppe meist in Parterre oder Souterrainwohnungen, zur Straße mit dicken Vorhängen vor dem Einblick der Passanten geschützt. Ebenerdige Wohnungen sind zur Domäne von Türken, Exjugoslawen ... geworden, die sich im Sommer gut auf die Gehsteige und Straßen ausweiten lassen, im Winter jedoch zum absoluten Rückzug führen. Durch die verschärfte Situation amWiener Wohnungsmarkt und durch neue Aufenthaltsesetze, die in einem Punkt auch eine Mindestwohnfläche als Voraussetzung für eine Aufenthaltsgenehmigung vorschreibt, wird sich diese Situation noch wesentlich verschlimmern. Die Installation Turkish Carpet nimmt Bezug auf diese Situation.
In den Boden des großen Raumes der Wohnung wird ein zwei mal drei Meter großes und einen halben Meter tiefes Loch gegraben. Das Loch wird oben mit zwei parallel liegenden Glasplatten in einem Abstand von 20 cm, die das Loch bündig abschließen, geschlossen. Auf die Glasplatten ist zueinander versetzt das Ornament eines türkischen Teppichs mit semitransparenter Folie aufkaschiert. Von der Decke projiziert ein Diaprojektor mit Zeitschaltung Bilder, die in Parterre- wohnungen in Wien aufgenommen wurden, beengte Raumsituationen, Möbel, Versuche von Kaschierungen, ornamentale Textilien. Die projizierten Bilder brechen in den beiden Glasplatten, spiegeln sich nach unten weiter, enden in undefinierter Tiefe, im Schwarz. Die Glasfläche, die das Teppichmuster nach unten öffnet, liegt als Lichtteppich in dem kahlen Raum. Die Fenster zur Straße sind mit Vorhängen verdeckt, die sowobl das Tageslicht von der Lichtinstallation fernhalten, als auch die Abschirmung nach außen, das Verdecken des Privaten wiederholen.
Als zweite Installation hängt in einem kleineren Nebenraum ein Ventilator an der Decke. Es ist Winter, er verbreitet die kalte Luft im Raum. Unter dem Ventilator steht ein Diaprojektor, der über einen in 45 Grad angebrachten Spiegel, Bilder von Situationen projiziert, die in den Wohnungen, die im ersten Raum gezeigt werden gefunden wurden. Es sind Fotos, Assemblagen, kleine Ausstellungen, die in den Wohnungen hängen, private Sammlungen, die aus Fotoalben oder Schachteln gezogen wurden und die Sehnsucht nach etwas repräsentieren, das zurückgelassen wurde. Landschaften, Personen aus der Familie, Freunde, ein Haus, das Meer usw. Durch die Rotation des Ventilators, erscheint das Bild zweimal ganz immateriell, ungreifbar, wird nur in den Raum gewischt.

HUBERT LOBNIG, 1993
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