HUBERT LOBNIG
SCHÖNE AUSSICHTEN Reinsberg

2004








Schöne Aussichten
Ein ortsbezogenes Videoprojekt für Reinsberg mit Iris Andraschek & Hubert Lobnig, Catrin Bolt, Oliver Hangl, Sabine Marte, Barbara Musil & Karo Szmit

In den Projekten "Gemeinsame Sache" 1999, und "Gemischte Gefühle" 2001 ging es im Wesentlichen darum, Reinsberg, seiner Geschichte, Geschichten und Menschen durch einen längeren Aufenthalt näher zu kommen und in die Produktion und Präsentation einer ortsbezogenen künstlerischen Arbeit miteinzubeziehen. Mit  "Schöne Aussichten" folgten 2004 Bearbeitungen der medialen Präsenz des Dorfes Reinsberg und dessenVeränderung durch mediale Rückspiegelung.
Reinsberg als niederösterreichische, ländliche Gemeinde ist  Ort moderner Architektur (Burgarena), Aufführungsort (Theater- und Opernproduktionen), Drehort, Eventort, Tourismus-,  Mountainbike-,  Beachvolleyball- ,  Biobauern-  und nicht zuletzt Kunstort in der Eisenstrasse geworden.  An der Beibehaltung, langläufig bekannter ländlicher Attribute wird dabei festgehalten; Häuser mit Blumenschmuck, Trachten,  Brauchtum, Volksmusik, kirchliche Feste  bilden die Oberfläche  einer gut organisierten Gemeinschaft, die mit Handy, Internet, Kabel-TV, Wissen über EU - Förderkriterien etc. über die gleiche Menge von sinnvoller und sinnloser Information verfügt wie urbane Gemeinschaften.
In den Vorarbeiten zu "Schöne Aussichten" war sowohl dem "authentischen" Reinsberg nachzuspüren, die Produktion von "neuen" Images und  Identitäten zu beleuchten aber auch zukünftige Images, Identitäten und Mythen zu bilden. Video (in Offenheit zu Fotografie und Film) wurde gewählt, um ein verbindendes Medium einzuführen, das sowohl einen formalen Zugang als auch dokumentarische Methoden zulässt.  Im Mittelpunkt standen partizipatorische Praxen, somit die Einbeziehung der Reinsbergerinnen in die Produktion und Präsentation des Kunstprojektes.
Am 28. August 2004 fand die Präsentation  im ehemaligen Kaufhaus Gruber, im Gemeindesaal, auf öffentlichen Plätzen und am Sportplatz  mit mehreren Projektionen, einer Performance und einer Fotoarbeit statt. Die Videos blieben danach in mehreren Gasthöfen und in der Burgarena zugänglich.

Iris Andraschek und Hubert Lobnig fragten nach Protagonisten und Handlungssträngen einer möglichen Reinsberg-Fernsehserie.  Die aufgezeichneten, naheliegenden und fiktiven Erzählungen dienen als Tonspur zu verfremdeten, traumartigen Videosequenzen, die an sehr speziellen Schauplätzen mit Personen des Ortes gefilmt wurden.  Iris Andraschek präsentierte Portraits und inszenierte Fotografien als Hinweis auf den Film in der Ästhetik von Filmplakaten an mehreren Haus- und Scheunenwänden.

Catrin Bolt fuhr mit 37 Künstlerinnen aus Wien mit einem Reisebus nach Reinsberg und ließ sie zwei Stunden aussteigen, ausgerüstet mit Foto- und Videokameras und mit der Anweisung, ihren Aufenthalt und das Dorf  festzuhalten. Sie selbst ging Kaffee trinken, holte die Gruppe später wieder ab, sammelte auf der Rückfahrt nach Wien die bespielten Videobänder und Filme ein und verarbeitete das Material zu einer Foto-Cd und einem ungefähr einstündigen Videoband. Mehrere Problemfelder werden in diesem Projekt zugespitzt. Der schnelle touristische Blick, die oberflächliche Betrachtung, der Zufallsfund der kurzzeitig aus der Stadt Angereisten auf der einen Seite, die Rolle der aufgabenerfüllenden und kontextgeschulten KünstlerIn auf der anderen.

Oliver Hangl versuchte mit der Anbringung seines grossen Reinsberg - Schriftzuges eine Neudefinierung des Ortes als Ort  permanenter Image- und Identitätstransfers. Zusätzlich gab er der Gemeindezeitung  ein neues Design und spielte einen eigenen Reinsberg-Song ein, den er auf dem Gemeindesportplatz vor einer großen Leinwand auf der ein  selbstproduziertes Musik- und  Imagevideo gespielt wurde aufführte. Das Ausgangsmaterial dieses Videos bildete ein Rundflug mit dem Bürgermeister am Steuer des Flugzeugs über Reinsberg.

Sabine Marte verband Images von Häusern und Landschaften aus Reinsberg, Vorarlberg  und Tschechien mit minimalen Videoportraits von haupsächlich ganz jungen Reinsbergerinnen und Reinsbergern, die sich der Ästhetik von TV- Serien und Sitcoms bedienen. Ihr Zugang zur Landschaft, zu den Portraits und zum Medium Video ist formal und technisch und orientiert sich an interaktiven Kompositionsstrukturen; durch ein Computerprogramm werden die Bilder gereiht und automatisch mit Sounds verbunden. Produktion und Präsentation verfließen miteinnander. Marte betrieb in Reinsberg über einen längeren Zeitraum ein Studio, in dem sie mit Kindern und Jugendlichen, die auf ihr Angebot der Partizipation hauptsächlich reagierten, arbeitete. Diese konnten sowohl die Produktion als auch später über eine Tastatur die Präsentation mitbeeinflussen.

Barbara Musil und Karo Szmit fügten Landschaftsgemälde, die sie in grosser Zahl in den Wohnungen der ReinsbergerInnen vorgefunden hatten, mittels Video zu einer durchgehenden Landschaft zusammen, durch die sie spazieren und sich dabei unterhalten. Als Touristinnen wandern sie durch die gemalten Landschaften der Region. Sie gehen dem seltsamen Phänomen nach, dass sich Menschen, Bilder von Landschaften in ihre Häuser hängen, die sie sowieso umgibt. Die Transformation in Malerei schafft es anscheinend die Landschaft, den Blick darauf, und den Bezug der Menschen zu ihr zu verändern.

 
Beautiful Views

A locally-oriented video-projekt for Reinsberg, featuring Iris Andraschek&Hubert Lobnig, Catrin Bolt, Oliver Hangl, Sabine Marte, Barbara Musil & Karo Szmit.

by Hubert Lobnig

 


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