HUBERT LOBNIG
GASTARBAJTERI Stadtbücherei/Wien Museum

2004










Medien und Migration
Stadthauptbücherei am Gürtel

Massenmedien wie Zeitung, Radio und Fernsehen tragen zur Meinungsbildung bei und schaffen Öffentlichkeit. Andere Medien wie Brief, Telefon und e-mail ermöglichen dialogische Kommunikation. Ob durch Schrift, Bild oder Ton, durch Briefe, Fotografien oder gesprochene Sprache, Mediennutzung beinhaltet stets auch die Schaffung von Wirklichkeiten. Sowohl Zeitungsschlagzeilen als auch touristische Selbstinszenierungen vor Sehenswürdigkeiten sind Konstruktionen ihrer AutorInnen und werden darüber hinaus von ihren LeserInnen und BetrachterInnen unterschiedlich interpretiert.

In der Ausstellung Medien und Migration sind verschiedene Auseinandersetzungen mit dem Thema der medialen Repräsentation von Wirklichkeit in Zusammenhang mit Migration zu sehen. Die künstlerischen Arbeiten thematisieren unterschiedliche Aspekte von Bild- und Schriftsprache, sie beschäftigen sich mit der Erfahrung des Fremdseins und der Konstruktion von Zugehörigkeit.

Das private Archiv von Ali Gedik umfasst zahlreiche Ausschnitte österreichischer und türkischer Printmedien zwischen 1984 bis 1993. Es gewährt sowohl Einblick in subjektive Mediennutzung als auch in mediale Diskurse zu migrationsspezifischen Themen. Die sprachliche Konstruktion von nationaler Zugehörigkeit und Ideologie ist im Brennpunkt von Fatih Aydoğdus Soundarbeit. Şule Attems setzt sich in ihrer Installation mit der Erfahrung von Fremdheit und deren Repräsentation in Briefen auseinander. Anna Kowalskas Arbeit thematisiert die Konstruktion eines Gedächtnis-Ortes am Beispiel des Filmsettings von Roman Polańskis Film "Der Klavierspieler" in Warschau, den viele ehemalige BewohnerInnen der Stadt besucht haben. Mehmet Emir erzählt die Geschichte seines Vaters Hıdır Emir, der Anfang der 60er Jahre nach Österreich kam, und selbstinszenierte Fotos von sich zu den Daheimgebliebenen in die Türkei schickte. Diese sind den Fotos des später nach Wien geholten Sohns gegenübergestellt. Lebensrealitäten und Standpunkte von Jugendlichen sowie deren Aneignung von Formen medialer Repräsentation in Wien werden sichtbar durch das Videoarchiv von dezentrale medien. Eine ganz andere Aneignung von öffentlichem Raum zeigt Hubert Lobnigs Arbeit zum Sammler Sivomir, der gefundene Altmetalle und Kabel weiterverarbeitet

Sivomir - Materialjäger oder Müllsammler?

Der Müllsammler sucht nach Abfällen; der Materialjäger sucht nach Verwertbarem. Er fahndet nach bestimmten Gütern und Materialien, die sich noch verwenden lassen, und obwohl es ihm freisteht, mit den gefundenen Gegenständen zu tun, was ihm beliebt, verkauft er sie im allgemeinen an einen der Auferstehungsagenten in der Stadt; ... Ein guter Materialjäger kann daher mit seiner Arbeit einen annehmbaren Lebensunterhalt erzielen. Aber schnell muß man sein, clever muß man sein, und man muß wissen, wo man zu suchen hat." *

Selbstdefinierte Arbeitsfelder. Sivomir lebt seit 1970 in Wien. Am Anfang arbeitete er auf Baustellen, das war ihm zu mühsam und zu ruppig, so hat er sich am Beginn der 80er- Jahre seinen selbst- definierten Beruf kreiert: Er sammelt, recycled, sortiert, ordnet und verteilt Dinge, welche die Stadt freigibt, welche ausgebaut, ausgebraucht oder - fast neu - weggeworfen werden. Er nützt dabei den immer dynamischer werdenden Durchfluß von Konsumgütern. Obwohl er immer mehr findet hat er Schwierigkeiten davon zu leben. Die Preise im Wiederverkauf von Rohstoffen sind in den letzten Jahren sehr stark gesunken.
Sammler und Jäger. In der Früh und am Vormittag ist Sammelzeit. Große, genau abgezirkelte Strecken werden abgegangen. Orte angesteuert, genau gemustert und nach Brauchbarem abgescannt. Dabei gibt es oft Konkurenz, er muß schauen als Erster vor Ort zu sein.
Recycling. Sivomir macht wichtige Arbeit: Wiederverwertung, Müllminderung, Sortierung und Trennung, Rückführung. Er sammelt Materialien und Dinge, die er verkauft (Schrotthändler und Altwaren- händler), für die er selbst oder jemand im Freundeskreis Verwendung findet oder die er von Zeit zu Zeit mit einem Bus "nach Hause" transportiert. Irgendwie ist er spezialisiert auf Altmetalle - Kupfer, Aluminium -, auf Gegenstände, in denen diese Materialien vorkommen. Kabel, Pfannen, Motoren. Manchmal sind es Koffer, Behältnisse, die er findet, die sofort wieder als Trage- oder Sammel- system umfunktioniert werden. Dekorative Teile seiner Sammlung wandern direkt in seine kleine Wohnung - ein Blumenstrauß, ein Bild, eine Lampe.
Urbane Kartografie. Für seine Materialjagd hat er sich ein Feld abgesteckt und die Stadt allmählich nach einem eigenen System erschlossen; Altmetallcontainer, Sammelpunkte für Altstoffe, Abbruchhäuser, Baustellen mit Containern sind seine Anlaufpunkte. Die Wege und Ziele wechseln ständig, doch es gibt Fixpunkte.
Kabel. In einer Informations- und Mediengesellschaft werden ständig Leitungen erneuert, immer schneller alte Systeme gegen neue ausgetauscht, Kabel verlegt, eingegraben, ausgegraben, erneuert, mit Zusätzen versehen und wieder eingegraben. Sivomir ist Dokumentarist. Seine Wagenladungen und Arbeitshaufen im Park, seine Drahtnetze, die er zum Schälen der Kabel von Baum zu Baum spannt, am Parkzaun befestigt, geben Aufschluß über diese Systeme.
Öffentlicher Raum. Ab Mittag sitzt Sivomir im Park, ordnet, sortiert, schält Plastik von Kupferkabeln, schraubt Griffe von alten Bratpfannen, sortiert, ordnet, schichtet Dinge aufeinander, von einem Wagen in den anderen, füttert seine Tauben. Über Nacht gibt es spezielle Plätze für den Wagen: Er läßt ihn im kleinen Park einschließen oder sperrt ihn hinter einen Baustellenzaun. Dabei nutzt er sehr geschickt Nischen des öffentlichen Raumes, dehnt diesen in seinen Funktionen und weiß sehr genau Bescheid über dessen Eigenschaften und Zeiten.
Die Wagen. Als tägliches Maß und Hilfe dient ihm sein Handwagen, mit dem er am Morgen loszieht. Je nach Ziel verwendet er manchmal auch Einkaufswagen, die aber mit schweren Ladungen sehr mühsam zu transportieren sind. Auf den größeren Wagen transportiert er oft kleinere - für alle Fälle.
Zeichen. Wie Banner hängen Plastiktaschen diverser Handelsketten am Wagen, erzählen uns worum es geht. Sie sind mit einem von Hunderten Befestigungsgummis angebracht, die die Ziehstange des Wagens in allen Farben zieren. Manchmal liegen einzelne Gegenstände wie gestrandete, große Fische am Wagen; ein karierter Koffer, ein Boiler, ein noch funktionierender Kühlschrank, eine Rolle aus zentimeterdickem Erdkabel. Die Anordnung des Arbeitsplatzes im Park gleicht manchmal eine Performancebühne. Die Gegenstände verteilt, mehrfärbige und aus verschiedenen Zusammenhängen stammende Unterlagen für die Kabelreste am Boden, Kupferkabelverspannungen, ein Strauß Plastikblumen in einer Vase am Tisch dazwischen der imposante Körper von Sivomir.
Lager. Zum Aufbewahren und Sortieren hat er sich verschiedene Lager geschaffen, seine Wohnung, einen kleinen Hinterhof, die Waschküche, ein Kellerabteil, Orte im öffentlichen Raum, die er sich für kurze Zeit erschließt. Er wechselt oft die Standpunkte der Lager - bevor sich jemand beklagt, ist er schon wieder woanders.
Serbien. Familie und Freunde "zu Hause" werden mit Geld und vor allem mit Dingen versorgt. Dinge die dort eine andere Bedeutung haben als hier. Vor allem in der Kriegszeit und dem darauffolgenden wirtschaftlichen Boykott war das von größer Relevanz. Die Transporte gingen in dieser Zeit häufiger, die Lager von Sivomir waren voller, die Transportbusse grösser.
Local hero. Sivomir ist ein lokaler Star - alle kennen ihn, sind ihm schon mal irgendwo begegnet. Früher, als Sohn eines Kleinbauern in Serbien hat er in Filmproduktionen als Stuntman gearbeitet, zum Beispiel in "Der Schatz im Silbersee". Schon damals war er besonders, eine impossante Figur, stark wie ein Bär. Heute sitzt er im Park und spinnt Fäden aus Kupfer. Leute umstehen ihn oder sitzen neben ihm auf der Parkbank, Kinder zieht er magisch an, er mag sie, sie mögen ihn. "Dort sitzt er und hat seine Arrangements ausgebreitet, Arrangements, die, ohne mit ästhetischen Codes zu liebäugeln, in Form gebracht sind."** Obwohl er kein Wort deutsch spricht ist er Mittelpunkt des Parks, der einzige tatsächliche Parkbenützer. Manchmal bringen Leute einfach Dinge vorbei, von denen sie wissen, daß er sie (wieder-) verwerten kann.

* Paul Auster aus: IN THE COUNTRY OF LAST THINGS, 1987, IM LAND DER LETZTEN DINGE, Rowohlt, 1989
** Monika Schwärzler aus: DÜRFEN DIE DAS?, Turia + Kant, 2002

Hubert Lobnig, 2003

 

SIVOMIR DER SAMMLER - DVD ca 40min, 30sec, 1996-2003

Die Arbeit "SIVOMIR DER SAMMLER" umfaßt mehrere tausend Foto- grafien, dutzende Videobänder, Bilder, Zeichnungen, Gegenstände aus Sivomirs Sammlungen, Pläne etc.

 



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