HUBERT LOBNIG
Wohin verschwinden die Grenzen? Kam mizí hranice?

2014
















Wohin verschwinden die Grenzen? Kam mizí hranice?

Installation und Ausstellung am Grenzübergang Fratres/Slavonice von Iris Andraschek und Hubert Lobnig

Sommer 2014 bis Herbst 2015

Mit Arbeiten von Katrin Hornek, Lukáš Houdek, Agnieszka Kalinowska, Franz Kapfer, Abbé J. Libansky, Zbigniew Libera, Heidi Schatzl, Johanna Tinzl & Stefan Flunger

Kunst im öffentlichen Raum Niederösterreich

Sichtbare Grenzen werden innerhalb der Europäischen Union nach einem festgelegten Zeitplan abgebaut und verschwinden – zumindest scheinbar. Entsprechend paradox ist der Satz Wohin verschwinden die Grenzen?. Würden sie wirklich verschwinden, müssten wir nicht fragen, wohin. Sie wandern. Einerseits an die EU-Außengrenzen, wo sie in sehr ähnlicher Erscheinungsform – Stacheldrahtzäune, Absperrungen, Mauern, strenge Personen- und Warenkontrollen etc. – wieder auftauchen. Andererseits weg von der Grenze in das Land hinein, in eine Aufwertungsdiskussion der Regionen, in (überwachte und eingezäunte) Siedlungen, in Diskussionen und Ma.nahmen zu Sicherheit, Migration, Aufenthaltsrecht etc. Die Arbeit Wohin verschwinden die Grenzen? steht direkt neben dem in den frühen 90 er Jahren neu errichteten, österreichischen und tschechischen Grenzübergang bei Fratres. Die Metallkonstruktion – 4 m hoch und über 50 m lang – ist Display für einen Schriftzug und für Bildtafeln, und gleichzeitig ein Verweis auf staatliche und private Abgrenzungsstrategien. Zentrum der Konstruktion war für zwei Jahre eine Arbeit, die vorwiegend mit Laiendarsteller_innen mit Migrationshintergrund in Čižov inszeniert wurde, wo ein letzter Rest musealisierter Eiserner Vorhang steht. Die Photographien wurde im Herbst 2012 – mittlerweile von Wind und Wetter verblichen – wieder abgenommen.

Eine Wiederaufnahme und Weiterführung des im Jahr 2009 gestarteten Projekts erscheint sinnvoll, hat sich die Diskussion seit damals weiterbewegt und zugespitzt. Die Grenzübergänge innerhalb der Schengenländer sind zum Großteil real abgebaut und alles was langläufig an Grenze im klassischen Sinn erinnert, verkauft und demontiert worden. Die Grenzhäuser wurden privatisiert, die Anbauten, Befestigungen, Schranken, Kontrollhäuschen etc. zerlegt und abtransportiert. Damit ist ein Stück Zeitgeschichte verschwunden, ein Umstand, der uns zu Zeitzeugen macht. Wir sind innerhalb der EU ein gutes Stück freier geworden aber auch beklommen in Anbetracht der Flüchtlingsströme aus Kriegs- und Krisengebieten und in Vergegenwärtigung der andernorts neu errichteten Zäune und Mauern.

Die Festung Europa versucht sich an den Außengrenzen vor Eindringlingen abzuschotten und beauftragt internationale Sicherheitsfirmen mit der Überwachung ihrer Grenzen, deren Sicherung dem Aufgreifen und Abschieben von Übertreter_innen, Überläufer_innen und Überfahrer_innen sowie der Erhaltung des Status quo für uns Europäer_innen dient. Verschiedene Staaten bauten unüberwindbare Mauern, andere überlegen deren Errichtung. Modernster Stacheldraht und meterhohe Sicherheitsbarrieren sichern die Außengrenzen in Marokko, wo das .Grenzproblem. überhaupt an ein nicht EU-Land ausgelagert wurde. Täglich lesen wir von immer noch höheren Zahlen von umgekommenen und aufgegriffenen Personen, die in der Hoffnung auf ein neues Leben an unsichtbaren aber nicht minder effektiven Grenzen gescheitert sind.

Die Frage Wohin verschwinden die Grenzen? Kam mizí hranice? ist 2014 virulenter denn je. Die Arbeit ist der Versuch, bei allen berechtigten Feierlichkeiten zum Fall des Eisernen Vorhanges Aufmerksamkeit auf die neuen Grenzen und Mauern zu richten und sich der Bedeutung eines kontinuierlichen Engagements für den Frieden bewusst zu sein. Wir haben Künstlerinnen und Künstler aus Tschechien, Polen und Österreich eingeladen, um mit ihren Arbeiten auf vergangene, gegenwärtige und zukünftige Grenzendiskurse zu verweisen und diese zu reflektieren.



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